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Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal

Montag, 22. Juli 2013 Ein Kommentar

Das Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal ist derzeit in aller Munde: Soll es gebaut werden und wenn ja: Welcher Entwurf soll es sein? Oder soll das Verfahren abgebrochen werden und wenn ja: Soll es das Projekt gänzlich zu den Akten gelegt werden oder einen Neustart geben?

Wir erläutern an dieser Stelle kurz und knapp die Hintergründe. Darüber hinaus mischen sich zwei unserer Stadträte stellvertretend für die unterschiedlichen Meinungen in unserer Fraktion mit Namensbeiträgen in die Debatte ein. Wir laden Sie ein, am Ende der Seite einen eigenen Beitrag zu schreiben. Darüber hinaus wird es nach der Sommerpause eine Veranstaltung geben, auf der wir mit Ihnen über das “Weiter” diskutieren wollen.

 

Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal: Was bisher geschah…

zusammengestellt von René Hobusch

René Hobusch

09. Oktober 1989: Zehntausende Leipzigerinnen und Leipziger ziehen friedlich um den Ring und zwingen das bis an die Zähne bewaffnete totalitäre Regime in die Knie.

09. November 1989: Die Berliner Mauer fällt, die Grenze ist auf.

Dezember 2008: Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, gemeinsam mit dem Land Sachsen und der Stadt Leipzig den Beitrag der Bürgerinnen und Bürger zur Friedlichen Revolution auf angemessene und sichtbare Weise zu würdigen.

17. Juni 2009: Der Leipziger Stadtrat bekennt sich zum Bau eines Freiheits- und Einheitsdenkmals.

17. Juni 2010: Der Sächsische Landtag beschließt, die Errichtung eines Freiheit- und Einheitsdenkmales in Leipzig angemessen zu unterstützen. Für die Planung und den Bau des Denkmales werden im Zuge dessen durch die Bundesrepublik Deutschland und den Freistaat Sachsen gemeinsam insgesamt 6,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das Leipziger Freiheit- und Einheit Denkmal soll dabei als nationales Denkmal über Leipzig hinaus ausstrahlen und sich insbesondere an zukünftige Generationen richten, um an die friedliche Revolution und ihre Bedeutung für Deutschland und Europa erinnern.

Anfang 2011: Eine Bürgerumfrage, eine Jugend- und Expertenwerkstatt sowie ein Bürgerforum finden in Leipzig statt. Es werden inhaltliche und künstlerische Zielsetzung für das Denkmal präzisiert und ein Standort festgelegt. Bei der Standortentscheidung ist die Authentizität des Ortes bewusst nachrangig. Im Vordergrund steht die nationale und europäische Ausrichtung der Erinnerung an die Ereignisse im Herbst ’89.

Anfang 2012: Der Wettbewerb für das Freiheits- und Einheitsdenkmal wird ausgelobt.

07. Juli 2012: Preisgerichtsentscheidung. Es setzte sich der Entwurf „70.000“ der Künstlergruppe M+M und Annabau Architektur und Landschaft Architektur als Preisträger, gefolgt von den Entwürfen „Denkmal an die Zukunft“ und „Herbstgarten“ durch.

13. Juli 2012: Einwohnerversammlung zu den Ergebnissen des künstlerischen Wettbewerbs. Die öffentliche Debatte läuft. Es wird ein Pflichtenheft erarbeitet, dass die drei Preisträger abarbeiten sollen.

01. Juli 2013: Das Preisgericht bewertet auf Basis der Überarbeitungen anhand des Pflichtenheftes neu. Der bislang drittplatzierte Entwurf „Herbstgarten“ rangiert nun auf Platz 1. Die Debatte nimmt an Intensität zu. Es kommt Kritik auf, dass das Preisgericht nicht anhand des Pflichtenheftes bewertet haben soll. Ein Vertreter des Stadtrates verlässt daher das Preisgericht.

Bürgerentscheid: Der von einigen Akteuren geforderte Bürgerentscheid über die Entwürfe kristallisiert sich als unzulässig heraus. Er würde mit Blick auf das Vergaberecht zur Anfechtbarkeit einer weiteren Entscheidung führen.

voraussichtlich Oktober 2013: Stadtratsentscheidung ob Vergabeverhandlungen mit den drei platzierten Entwürfen aufgenommen werden sollen. Der Stadtrat hat dabei zwei Möglichkeiten: Aufnahme von Verhandlungen oder Abbruch des Verfahrens – ggf. verbunden mit einem Neustart. Nach Aussage des Oberbürgermeisters würde ein Neustart nicht mehr die Unterstützung der Bundesrepublik Deutschland finden und Leipzig müsste die bisherigen Kosten von etwa 600.000 Euro tragen. Eine offizielle Bestätigung der Bundesregierung, dass bei einem Abbruch des Verfahrens ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Leipzig endgültig gescheitert sei, ist nicht bekannt.

Zur Person: René Hobusch ist stellv. Vorsitzender der FDP-Fraktion im Leipziger Stadtrat. Der gebürtige Köthener arbeitet als selbstständiger Rechtsanwalt und sitzt für die Liberalen u.a. im Fachausschuss Stadtentwicklung/Bau, für den er den gesamten Stadtrat im Begleitgremium Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal vertritt. Hobusch engagiert sich in verschiedenen Leipziger Vereinen.

 

Wie weiter mit dem Freiheits- und Einheitsdenkmal?

Zwei Debattenbeiträge von Isabel Siebert und Reik Hesselbarth.

» Schluss! Aus! Ende! «

… sagt Isabel Siebert

Isabel SiebertEgal wen ich treffe oder kennenlerne, sobald sie wissen, dass ich im Stadtrat bin, kommt die unvermeidliche Frage: „Und, was sagen Sie zum Freiheits- und Einheitsdenkmal?“ Ich habe dann immer ganz staatstragend geantwortet: Dass es wichtig ist, jetzt nicht die Nerven zu verlieren, auf die zweite Runde in der Jury und ihre Nachbesserungsverhandlungen zu vertrauen. Nein, schön finde ich keinen der Entwürfe, aber um meinen Geschmack geht es ja hier auch gar nicht. Die Bundesrepublik Deutschland ist bereit, mit sehr viel Geld ein Denkmal in unserer Heimatstadt zu finanzieren, das nicht nur uns Leipzigern und Ostdeutschen, nein, das für alle Besucher aus Deutschland, Europa und der ganzen Welt etwas Anfassbares, etwas Besuch- und Erlebbares schaffen soll, das Leipzig für die Nachwelt als den Ursprungs- und Anfangsort der Friedlichen Revolution 1989 kennzeichnet. Und dieses Geld ist eine einmalige Chance, die wir ergreifen müssen. Aber nicht nur wegen des Geldes, vor allem weil uns dann weder Dresden noch Plauen oder Berlin oder sonst eine ostdeutsche Stadt je den Anspruch streitig machen kann, die Stadt der Friedlichen Revolution, der Ausgangsort der Montagsdemonstrationen, zu sein. Mit eben diesem Argument werden auch die Dauthe‘sche Säule auf dem Nikolaikirchhof oder die Demokratieglocke auf dem Augustusplatz als zu klein herabgesetzt. Aus Gründen des Stadtmarketings – und seien wir ehrlich, der eigentlich gewünschte Pathos ist irgendwo zwischen Obstwiese und Vergaberechtsquerelen verloren gegangen – folge ich diesem Argument. Aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Und den haben wir jetzt erreicht. Ich kenne keinen Leipziger, der es ablehnt, ein (weiteres) Denkmal als Stadt der Friedlichen Revolution zu bauen. Aber ich habe auch bis heute noch keinen Leipziger getroffen, der über auch nur einen einzigen der drei Entwürfe mit Begeisterung spricht oder gar schwärmt. Keinen. Ja, ich weiß, Kunst ist streitbar und sie soll es auch sein. Aber gehört zum Streiten nicht dazu, dass es neben den Gegnern auch die überzeugten Verfechter gibt?

Schluss! Aus! Ende! Für eine Bürgerstadt und ihre große demokratische Geschichte ist es beschämend, dass wir es seit dem Bundestagsbeschluss von 2008 bis heute nicht hinbekommen haben, ein begeisterungswürdiges Denkmal für den zukünftigen Platz der Friedlichen Revolution hinzubekommen, noch dazu weil das Vergabeverfahren selbst ja nun auch schon wankt. Das alles einzugestehen, hätte aber schon wieder einen gewissen Charme.

Zur Person: Isabel Siebert ist schon seit der Wende für die Liberalen aktiv, seit 2009 FDP-Stadträtin und arbeitet beruflich als Pressesprecherin. Als ehemalige Geschäftsführerin des Paulinervereins kennt sie sich aus mit streitbaren Projekten, Lust und Frust von Erinnerungskultur. 

 

» Lasst uns nicht zögerlich sein! «

… sagt Reik Hesselbarth

Reik HesselbarthJa, das Denkmal stellt für Leipzig zwei große Chancen gleichzeitig dar: Neben einer Erinnerungsstätte für die Leipziger und unsere Gäste, bietet das Vorhaben die einmalige Gelegenheit die innerstädtische Brache am Leuschnerplatz komplett neu zu gestalten.

Diese 2 Punkte überzeugen mich, das Denkmal zu unterstützen. Unsere Stadt steht wie keine Zweite in der ehemaligen DDR für den friedlichen Wandel, die Wiedervereinigung und einen Neuanfang in Europa. Für diese Epoche einen Ort zu schaffen, der zum Erinnern und Gedenken einlädt ist wichtig. Er ist erstens wichtig für uns: Gerade in Zeiten einer zunehmenden gesellschaftlichen Verniedlichung der DDR-Diktatur halte ich es für wichtig, die Erinnerung lebendig zu halten. Denn, auch wenn „nicht alles schlecht war“ in der DDR, möchte ich die Freiheit in der ich heute lebe nicht hergeben!

Darüber hinaus ist der Tourismus einer der wichtigsten Wachstumstreiber der Leipziger Wirtschaft. Und neben der Kultur kommen die Gäste auch um den Ort, an dem der Wandel 1989 seine Dynamik bekam zu entdecken. Die Runde Ecke und die Nikolaikirche sind die zentralen Orte der Geschehnisse, aber es dürfen nicht die Einzigen bleiben. Diese beiden Orte werden nicht ausrei- chen, um uns neben Berlin als Erinnerungsort zu behaupten.

Lasst uns nicht zögerlich sein, sondern die Mittel von Bund und Land nutzen, das Denkmal errichten und den Leuschnerplatz als neuen Platz der Friedlichen Revolution lebendig werden lassen. Denn dies ist die andere Seite der Medaille: Mit den Geldern aus Berlin und Dresden – die wir auch nicht anderweitig nutzen können – haben wir die Möglichkeit die Brache neu zu gestalten. Der Leuschnerplatz führt seit Jahrzehnten ein Schattenda- sein – aktuell als Parkplatz und Baustelle. Für einen Platz in dieser Lage und mit dieser Historie ein wirklicher Schandfleck in Leipzig. Hier können wir gemeinsam mit dem Kirchenneu- bau, dem S-Bahnhof und der geplanten Markthalle ein neues Quartier mitten in unserer Stadt gestalten.

Dazu brauchen wir weiterhin eine offene Bürgerbeteiligung, wie sie – und hier möchte ich die Verwaltung auch mal ausdrücklich loben – bereits praktiziert wurde.

Ich möchte diese Chance nutzen und die weiterentwickelten Entwürfe vorurteilsfrei bewerten. Und ich bin überzeugt, dass wir im Dialog mit den Architekten, den politischen Entscheidungsträgern und den Bürgern ein Ort schaffen können, der über die nächsten Jahre hinaus und über unsere Stadtgrenzen hinaus eine Mahnung gegen Diktatur und Unfreiheit wird.

Zur Person: Reik Hesselbarth ist seit November 2009 Stadtrat und Vorsitzender der Leipziger FDP-Fraktion. Nicht nur als Mitglied des Stiftungsrates der Stiftung Bürger für Leipzig ist ihm bürgerschaftliches Engagement eine Herzensangelegenheit. Er arbeitet als kaufmännischer Leiter in einem mittelständischen Leipziger IT-Unternehmen. 

 

Internetseiten zum Thema:

 

Öffentliche Veranstaltung zum Thema:

Am Montag, 16. September 2013 veranstalten der FDP-Kreisverband Leipzig und die FDP-Fraktion im Leipziger Stadtrat eine gemeinsame Diskussionsrunde zum Freiheits- und Einheitsdenkmal. Prof. Dr. Rainer Eckert, Direktor des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig führt ins Thema ein. Die Leitung der anschließenden offenen Diskussion übernimmt René Hobusch, der als Vertreter des gesamten Stadtrates im Begleitgremium Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmal mitarbeitete.

Liberale Lounge zum Freiheits- und Einheitsdenkmal
mit einer Einführung durch Prof. Dr. Rainer Eckert
Montag, 16. September 2013, 19 Uhr
Nonnenmühlgasse 1, 04107 Leipzig
(ggü. Neues Rathaus)

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Ein Kommentar »

  • Rico Förster sagt:

    Ich kann der Meinung Reik Hesselbarths nur zustimmen. Einen weiteren Touristischen Leuchtturm zu schaffen, der für die steigende Anzahl internationaler Gäste einen Ort schafft, die Errungenschaft und das Gück in Frieden und Freiheit in einem geeinten Europa zu leben symbolisiert. Dieser Freiheits- und Friedenszustand wird heut zu Tage leider viel zu oft als selbstverständlich hingenommen und bei Diskussionen um Details, das große Ganze aus dem Blick gelassen. Und natürlich ist es DIE(!) Chance, den W.L.Platz zu einem ATTRAKTIVEN innerstädtischen Platz zu gestalten. Doch ob dazu auch nur eines der 3 sehr gewöhnungsbedüftigen Projekte auch nur ansatzweise beiträgt mag ich sehr zu bezweifeln. Eine thematische Landschaftarchitektonische Gestaltung, gepaart mit der neuen Markthalle und der S-Bahnstation würden die Attraktivität und ein Verweilen wohl tiefgreifender Unterstützen. Doch leider ist der Vergabe-/Auslobungsprozess mittlerweile viel zu vertrackt. Die Mittel stehen wohl (NOCH) zur Verfügung und sollten, wenn auch nur für einen kleinen touristischen Effekt, genutzt werden – zu Gunsten der Barchfläche W.L.Platz! Rico Förster

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