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Maßnahmen zur langfristigen Sicherung und inhaltlichen Entwicklung der Leipziger Kultur

Freitag, 13. April 2012

[Antrag V/A 296 | Status: vom Stadtrat mehrheitlich ABGELEHNT]

Beschlussvorschlag:

  1. Die Sparte “Operette” wird im Sinne der im sog. Actori-Gutachten vorgeschlagenen Maßnahme “Schließung der Spielstätte Musikalische Komödie” (nicht: “Schließung der Sparte Musikalische Komödie”) mittelfristig im Opernhaus am Augustusplatz konzentriert. Die Verwaltung erarbeitet hierfür ein Umsetzungskonzept und legt dies bis zum 30.06.2013 dem Stadtrat vor.
  2. Die Verwaltung erarbeitet ein Umsetzungskonzept für eine Verwaltungsfusion der Oper Leipzig mit dem Schauspiel Leipzig und legt dieses bis zum 30.06.2013 dem Stadtrat vor. Hierbei ist Beschlusspunkt 4 zu berücksichtigen.
  3. Die Verwaltung prüft, ob und unter welchen Voraussetzungen ein privater Investor ein Leipziger Musical- und Operettenhaus aufbauen und betreiben kann. Das Prüfergebnis wird dem Stadtrat bis zum 30.06.2013 vorgelegt.
  4. Die Verwaltung prüft die Möglichkeiten einer Fusion der Eigenbetriebe Schauspiel Leipzig und Theater der Jungen Welt (TDJW) zu einem Stadttheater für alle Generationen. In diesem Zusammenhang ist ebenfalls zu prüfen, inwieweit die Räumlichkeiten des TDJW als zweite regelmäßige Spielstätte des Centraltheaters genutzt werden können. Die Prüfergebnisse werden dem Stadtrat bis zum 31.12.2012 vorgelegt.
  5. Im Zuge der Realisierung der Maßnahmen 1, 2 und 4 erfolgt eine Stärkung der künstlerischen Etats aller kulturellen Eigenbetriebe – insbesondere des Gastspieletats des Gewandhauses Leipzig, um die internationale Bedeutung des Hauses weiter zu festigen.
  6. Die Stadt tritt in Gespräche mit Akteuren der Freien Szene ein mit dem Ziel der Anhandgabe des Hauses Dreilinden für kulturelle Projekte und/oder Initiativen.

 

Begründung:

Das Versprechen von Oberbürgermeister Burkhard Jung, keine tiefgreifenden strukturellen Maßnahmen in der Leipziger Kulturlandschaft umzusetzen, zeugt von einer beispiellosen Mut- und Ideenlosigkeit. Diese wird darüber hinaus auch noch mit haushaltspolitischen Blankoschecks zu Lasten z.B. der dringend notwendigen Investitionen in Kitas und Schulen gedeckt. Ergänzend dazu zeigt die aktuelle Tarifeinigung, dass die im sog. Actori-Gutachten aufgezeigten Kostensteigerung von EUR 5,7 Mio. bis 2015 deutlich zu niedrig angesetzt sind, denn die Häuser gingen für das aktuelle Wirtschaftsjahr von Tarifsteigerungen in Höhe von 1,5 Prozent aus. Im Wirtschaftsplan des Schauspiels 2011/2012 heißt es hierzu treffend: „Sollten die zum 01.01.2012 eintretenden Tariferhöhungen mehr als 1,5 Prozent betragen, droht ein Verlust in entsprechender Höhe.

Im Zuge der sich aktuellen Haushaltsentwicklung (bspw. Auslaufen des Solidarpaktes II, weiterhin hohe kommunale Verschuldung der Stadt Leipzig, dreistellige Millionenforderungen aus den Heininger-Geschäften bei den KWL etc.) besteht die Notwendigkeit, die Kosten konstant zu halten. Dies gibt wiederum den Einrichtungen längerfristige Planungssicherheit und verhindert im Gegenzug weitere Einschnitte zu Lasten der künstlerischen Leistung.

 

Entwicklung Eigenbetrieb Schauspiel Leipzig:

Städtische Zuschüsse lt. Wirtschaftsplan ohne Investitionen
Spielzeit 2009/10: 14,0 Mio. Euro
Spielzeit 2011/12: 13,8 Mio. Euro

Eigene Vorstellungen in der Hauptspielstädte
Spielzeit 2009/10: 203
Spielzeit 2011/12: 190

Vorstellungen gesamt in Leipziger Spielstädten
Spielzeit 2009/10: 775
Spielzeit 2011/12: 552

Premieren:
Spielzeit 2009/10: 20
Spielzeit 2011/12: 18 (inkl. Wiederaufnahme)

Besucher Leipziger Spielstätten:
Spielzeit 2009/10: 84.480
Spielzeit 2011/12: 69.000

Umsatzerlöse aus Eintritten Leipziger Spielstätten:
Spielzeit 2009/10: rd. 755.000 Euro
Spielzeit 2011/12: rd. 630.000 Euro

 

Entwicklung Eigenbetrieb Oper Leipzig

Städtische Zuschüsse lt. Wirtschaftsplan ohne Investitionen
Spielzeit 2009/10: 40,3 Mio. Euro
Spielzeit 2011/12: 40,4 Mio. Euro

Vorstellungen gesamt (davon: Oper / Ballett / Operette & Musical)
Spielzeit 2009/10: 326 (97 / 43 / 129)
Spielzeit 2011/12: 326 (92 / 39 / 122)

Premieren ohne Saisoneröffnungen/-abschlüsse, Gala, Ball (davon Oper / Ballett / Operette & Musical)
Spielzeit 2009/10: 17 (7 / 3 / 5)
Spielzeit 2011/12: 14 (6 / 3 / 5)
Maximal möglich in Folgejahren: 5 / 3 / 3

Besucher Eigenveranstaltungen
Spielzeit 2009/10: rd. 171.000
Spielzeit 2011/12: rd. 170.000

Umsatzerlöse aus Eintritten:
Spielzeit 2009/10: rd. 3,83 Mio. Euro
Spielzeit 2011/12: rd. 3,83 Mio. Euro

Hier wird deutlich, dass die Entwicklung bereits heute zu Lasten der künstlerischen Leistung geht: weniger Premieren und weniger Vorstellungen (zumindest im Kernbereich) führen zu sinkenden Besucherzahlen und so auch zu sinkenden Einnahmen. Eine Abwärtsspirale droht.

Es gilt nun dieser Entwicklung entgegen zu wirken und diese für die Folgejahre zu vermeiden. Gleichzeitig muss den Häusern wieder ein größerer künstlerischer Spielraum ermöglicht werden.

Allein das Beibehalten der derzeitigen strukturellen Defizite der kulturellen Eigenbetriebe wird Leipzig in den nächsten 4 Jahren mindestens weitere 8 Mio. Euro kosten, ohne dass dabei in die Zukunft der Häuser investiert wird. Und diese Notlage wird um so härter als Bumerang zurück kehren, wenn die zusätzlich versprochenen Millionen aufgebraucht sind.

Wir dürfen darum jetzt die Chance nicht verpassen, die Weichen für eine zukunftsgerichtete Entwicklung der Häuser zu stellen, die weit in das nächste Jahrzehnt trägt und Leipzigs Ruf als Kulturstadt entwickelt.

Die Sanierungskosten für alle Spielstätten der Leipziger Kultureinrichtungen dürften sich in den nächsten Jahren auf rund 50 Mio. Euro belaufen. Diese in den zukünftigen Investitionshaushalten darzustellen, wird angesichts der Investitionsstaus in allen Bereichen kaum möglich sein. Hier kann durch die vorgeschlagenen Maßnahmen ein zweistelliger Millionen-Eurobetrag eingespart werden:

  • nicht notwendige Sanierung des Hauses Dreilinden und
  • kein Neubau der 2. Spielstätte für das Centraltheater

Diese Beträge können an anderer Stelle im investiven Bereich verwendet werden (bspw. für Kitas und Schulen, deren Bereitstellung eine kommunale Pflichtaufgabe ist).

Die einzelnen Maßnahmen stellen deutliche Einschnitte in das kulturelle Selbstverständnis unserer Stadt dar. Aber nur mit diesen werden wir langfristig für eine weiter gedeihende Kultur in Leipzig sorgen können.

Die, im Zuge der Aufgabe des Hauses Dreilinden frei werdenden Mittel, sollen zumindest teilweise in die inhaltliche Weiterentwicklung der Leipziger Kultur investiert werden und den Bestand des Gesamtangebotes über die nächsten 10 Jahre hinaus sichern. Denkbar erscheint, das Haus für die Freie Szene zu nutzen und Akteuren an die Hand zu geben. Ob und zu welchen Konditionen dies darstellbar ist, sollte in ersten Gesprächen eruiert werden.

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