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Ausfall der Straßenbahnen in Leipzig am 8. Dezember 2010

Freitag, 10. Dezember 2010

[Dringliche Anfrage V/DF15]

Im Sommer warben die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) unter anderem mit dem Slogan „Die fährt mich auch bei Eis, Ätsch“. Am 08. Dezember 2010 wurde hingegen aufgrund von Eisregens der Straßenbahnbetrieb komplett eingestellt und am 09. Dezember 2010 wurde bekannt, dass die LVB keinen Notfallplan für den Ausfall aller Straßenbahnen hätten.

Vor diesem Hintergrund fragen wir:

  1. Wie hoch wird die Zahl der vom Ausfall des Straßenbahnnetzes betroffenen Kunden geschätzt?
  2. Warum gibt es für den Komplettausfall des Straßenbahnnetzes keinen Notfallplan? Kann diesem Mangel mit Blick auf die in der letzten Sitzung des Stadtrates der IV. Wahlperiode im Oktober 2009 beschlossene Betrauung der LVB bis zum 31.12.2028 abgeholfen werden? Wenn nein, warum nicht?
  3. Welche Maßnahmen unternahmen die LVB zur Information ihrer Kunden? Warum war es nicht möglich, die komplette Internetseite der LVB trotz erhöhten Traffics am Netz zu lassen – insbesondere vor dem Hintergrund, dass andere Verkehrsunternehmen dazu selbst in besondere Situationen in der Lage sind und erst vor kurzer Zeit ein kompletter Relaunch stattfand?
  4. Wann erhielten die LVB Kenntnis von der Wetterwarnung mit drohendem Eisregen am 08. Dezember und wie gehen die LVB grundsätzlich mit Wetterwarnungen um?
  5. Wie viele Busse sind im LVB-Busnetz im Einsatz, über wie viele Busse verfügen LVB bzw. Tochterunternehmen und wie viele Busse würden benötigt werden, um die Hauptrouten der Straßenbahn in einem 30-min-Takt mit Bussen zu bedienen?
  6. Für wie belastbar hält der Oberbürgermeister Werbeaussagen wie „Die fährt mich auch bei Eis, Ätsch“ insbesondere vor dem Hintergrund der Ereignisse am Abend des 8. Dezembers 2010?

schriftliche Antwort vom 15.12.2010:

zu 1.:

Die Zahl der betroffenen Kunden kann nicht objektiv ermittelt werden. Anhand der LVB-Zähldaten werden werktäglich etwa 300.000 bis 350.000 Fahrgäste im Straßenbahnnetz befördert. Von der Kompletteinstellung des Straßenbahnbetriebs am 8.12.2010 ab ca. 17:00 Uhr und den Auswirkungen am Folgetag dürften ca. 200.000 Fahrgäste betroffen gewesen sein.

zu 2.:

Die LVB arbeiten im Winterhalbjahr auf der Basis entsprechender Einsatzpläne. Der Maßnahmeplan „Gefahrdrohendes Wetter“ beinhaltet die Einsatzstufen und regelt die betriebliche Organisation bei Schneefall, Nebel, Überflutungen im Straßenraum und Orkanen.

Der Komplettausfall des Straßenbahnsystems ist auf eine außerordentlich seltene Witterungslage zurückzuführen, die zuletzt in vergleichbarem Ausmaß am 1. Dezember 1988 eingetreten war. Trotz wieder einsetzendem Frost kam es am Nachmittag zu mehrstündigem Regenfall. Dieser Regen gefror unmittelbar an den Fahrleitungen und bildete einen Eispanzer am gesamten ca. 300 km langen Fahrleitungsnetz. Unter diesen Umständen ist eine Stromaufnahme nicht mehr möglich, bzw. durch Bildung von Lichtbögen kommt es zum gehäuften und die Sicherheit gefährdenden Durchbrennen von Fahrdrähten. Gegen dieses Ereignis gibt es keine praktikable technische Vorkehrung. Im Berufsverkehr werden ca. 150 Straßenbahnzüge eingesetzt, im Stadtbusnetz ca. 110 Busse. Ein wirkungsvoller Notfallplan zum Ersatz aller Straßenbahnen ist nicht planbar, nennenswerte Fahrzeugreserven stehen in der Hauptverkehrszeit nicht zur Verfügung. Am 8.12. nach 17 Uhr und am 9.12. ab Betriebsbeginn wurden bis zu 40 Busse von regulären Linien abgezogen und als Ersatzverkehr auf Straßenbahnstrecken eingesetzt.

Die Stadt wird die Geschehnisse und Erfahrungen mit der LVB auswerten und ggf. für die Zukunft Konsequenzen diskutieren. Die politischen Gremien der Stadt werden zu gegebener Zeit einbezogen.

zu 3.:

Noch am gleichen Tag (19.30 Uhr) und am nachfolgenden Tag (16 Uhr) luden die LVB zu Pressekonferenzen (Leitung Geschäftsführer Technik und Betrieb) in den Betriebshof Angerbrücke ein. Parallel dazu informierte die LVB mit Pressemitteilungen und zahlreichen Interviews rund um die Uhr – Fernsehen, Radio, Print- und Internetmedien. Unglücklicherweise gab es am 8. Dezember nachmittags vollkommen unabhängig von der Witterungslage Probleme mit den Informationssäulen, sodass sie abgeschaltet werden mussten. Aufgrund eines Softwarefehlers in der Datenbank konnten die Säulen nicht mehr mit Informationen beschickt werden, laufende Texte konnten nicht geändert oder gelöscht werden, sodass nur eine komplette Abschaltung möglich war. Per Fernwartung arbeitete der zuständige Schweizer Dienstleister an dem Problem und in den frühen Abendstunden war der Fehler behoben.

Bedingt durch den teilweisen Ausfall im Verkehrsnetz der LVB kam es vom 08.12.2010, 17h bis zum 09.12.2010, 11h zu einem unerwarteten Aufkommen von im Durchschnitt rund 900 bis zu maximal rund 1.200 gleichzeitigen Anfragen auf die Website der LVB: http://www.lvb.de. Dies ergibt eine Überlastung des durchschnittlichen Aufkommens von bis zu 4.000% und eine Überlastung des maximal zulässigen Aufkommens von 480%; was auch die besondere Bedeutung der Website für die Nutzer der LVB beschreibt.

Die drei Webserver Shop: http://shop.lvb.de , Barriere arm: http://b.lvb.de und die Website: http://www.lvb.de der Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) GmbH wurden aus ökonomischen Gesichtspunkten für eine wachsende Nutzerzahl von anfänglich maximal 125 für das Jahr 2010 bis zu den geplanten maximal 250 gleichzeitigen Zugriffen aus dem Internet für das Jahr 2013 beschafft. Dieses Vorgehen hat für alle bisherigen Anforderungen der letzten 11 Jahre eine Sicherstellung der Serviceverfügbarkeit für die Kunden der LVB gewährleistet und wurde durch einen Lasttest belegt. Aus diesen Zahlen ist weiterhin ersichtlich, dass ein strategischer Puffer von 400 bis 800% bei der Beschaffung eingeplant wurde.

Die durchschnittliche Nutzerzahl liegt heute bei 30 gleichzeitigen Nutzern am Tag. Die Website der LVB wird im Monat mit rund 1.3 Mio. Besuchen frequentiert. Dies ist vor allem auf die sehr serviceorientierte Umsetzung der Website zurückzuführen.

Die Shop-Website und die Barriere arme Website der LVB hatte keine Servicebeeinträchtigung zu verzeichnen.
Trotz des hohen „Nutzeransturmes“ war der Server technisch immer erreichbar, lieferte aber bedingt durch die„Meshup“-Technologie mit den externen Web-Services Google-Maps und Hafas-Fahrplanauskunft die Webseiten der LVB in für den Endnutzer in nicht mehr akzeptablen Wartezeiten von bis zu 900 Sekunden aus.
Weiterhin wurden überproportional viele „Angriffe“ auf die Website verzeichnet. Im Durchschnitt erleidet die LVB bis zu 20.000 solcher Angriffe im Jahr aus dem Internet. Diese werden aber größtenteils durch Firewall-Technologien abgefangen. Dies zeigt den besonderen Focus der LVB in der Wahrnehmung ihrer Kunden.

Als der „Meshup“-Service der LVB auf der Startseite durch eine einfache Nachrichtenseite am 09.12.2010 ersetzt wurde und somit keine technischen Anfragen mehr zu den weiteren Webservices (Havag, Google) abgesetzt werden mussten, war der Webserver der LVB wieder in der Lage alle Anfragen der Kunden der LVB ohne signifikante Wartezeiten abzuarbeiten.

Eine Beeinflussung des Webservices der LVB in dieser Art ist aus Sicht der Stadt seit 1999 das erste Mal eingetreten.

zu 4.:

Die entsprechende Wetterwarnung erreichte die LVB um 14:10 Uhr bei bereits einsetzendem Regenfall. Ca. eine Stunde später wurde die höchste Winterdienststufe mit maximaler Verfügbarkeit an Einsatzkräften ausgerufen. Das Wetterereignis vom 08.12., insbesondere die Eisbildung an der Fahrleitung, ist offenkundig schwer in seinem lokalen Auftreten und seiner konkreten Ausprägung prognostizierbar. Benachbarte Straßenbahnbetriebe in Halle und Dresden waren trotz ähnlicher Großwetterlage nicht von vergleichbarem Eisregen betroffen. Wettermeldungen und -warnungen laufen rund um die Uhr in der Verkehrsleitstelle der LVB auf und werden dort zur Disposition von Einsatzkräften verarbeitet soweit das möglich und sinnvoll ist.

zu 5.:

An einem Werktag sind im LVB-Netz inkl. Regionalverkehr bis zu 155 Busse im Einsatz, der reguläre Fahrzeugbestand inkl. notwendiger Werkstattreserve (LVB und LeoBus) beträgt derzeit 174 Fahrzeuge. Um alle wesentlichen Straßenbahnstrecken wenigstens in einem Halbstundenrhythmus zu bedienen, würden theoretisch ca. 40 zusätzliche Busse benötigt. Da diese Fahrzeugreserve nicht zur Verfügung steht, wurde genau diese Anzahl von 40 Bussen aus dem regulären Linienverkehr abgezogen und auf den Straßenbahnhauptstrecken eingesetzt. Praktisch ist aber kein regelmäßiger 30-Minuten-Takt erreichbar, da die Busse aufgrund der allgemeinen Wetter- und Verkehrslage nicht behinderungsfrei fahren können und die Kapazität nur einen Bruchteil gegenüber sonst im 10- oder 5-Minuten-Takt verkehrenden Straßenbahnzügen ausmacht. Daraus resultieren erhebliche Überfüllungen und Verzögerungen durch überlange Fahrgastwechselzeiten.

zu 6.:

Der Slogan ist einer von dreien aus der Werbekampagne 2010 zum Schülerticket. Grundlage der Kampagne waren Trickfilme, die in der Zielgruppe sehr beliebt sind. Die Analogie zum Kerngeschäft der LVB wurde bewusst gewählt, da die LVB zu jeder Jahreszeit unterwegs sind, auch im Winter, auch bei Eis und Schnee. Das haben die LVB in den vergangenen Jahren (insbesondere im Winter 2009/10) nachgewiesen und das werden sie auch künftig tun. Die außergewöhnliche und äußerst seltene Wettersituation mit Blitzeis um den 8. Dezember 2010 ändert nichts an dieser Tatsache.

Das wissen auch die Nutzer der LVB. Deshalb ist die Verbindung des Slogans mit einer sehr extremen Wettersituation und deren einzigartigen Auswirkungen unsachlich und nicht gerechtfertigt.

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