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Elektronische ÖPNV-Tickets: Handyticket und easy.GO

Mittwoch, 2. Februar 2011

[Anfrage V/F301]

Der Mobilitätsdienst easy.GO ist ein Auskunftssystem für den öffentlichen Nahverkehr (Verbindungsauskünfte zwischen Haltestellen, Adressen oder bezogen auf den aktuellen Standort des Nutzers) mit einer daraus resultierenden Tarifempfehlung und der Möglichkeit des Ticketkaufs. Dieses System wurde von den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB) entwickelt und wird momentan als Gesamtsystem für den Raum des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes (MDV) entwickelt, weshalb zur Beantwortung der Fragestellungen Zuarbeiten von den LVB und dem MDV eingeholt wurden.

1. Wie hoch waren die Kosten für die Einrichtung von easy.GO bislang?

Antwort: Im Rahmen des Bundesforschungsprojektes MOSAIQUE (Teil des Bundesforschungs-Programms „Mobilität und Verkehr“) wurde easy.GO als Teilprojekt entwickelt und lief unter der Federführung der Leipziger Verkehrsbetriebe. Die Förderung erfolgte durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) sowie den Freistaat Sachsen (Landesdirektion Leipzig) und das Land Sachsen-Anhalt. Die LVB hatten keine finanziellen Aufwendungen.

Die aktuell in Vorbereitung befindliche verbundweite Einführung wurde in Zusammenarbeit zwischen MDV, LVB, Hallescher Verkehrs AG und DB-Regio sowie dem technischen Entwickler und Betreiber the agent factory GmbH realisiert. Wie bei jeder technischen Neuerung sind dabei Anpassungen notwendig, um den besonderen Anforderungen der einzelnen Verbundregionen Rechnung zu tragen. Die drei großen Verkehrsunternehmen und der MDV haben sich verständigt, die damit verbundenen Kosten von insgesamt 228 T€ zu gleichen Teilen zu tragen, wobei in Sachsen knapp 100 T€ von der Landesdirektion Leipzig gefördert werden. Für den Betrieb von easy.GO fallen künftig laufende Kosten von 108 T€/Jahr an, die ebenfalls die vier Projektpartner zu gleichen Teilen tragen.

2. In welchem Umfang wird easy.GO genutzt?
a. für die Abfrage von aktuellen Fahrplaninformationen
b. für den Kauf von Fahrkarten

Antwort: Das System wurde von den Kunden sehr gut angenommen und bewertet. Dafür sprechen auch die Nutzerzahlen. In Leipzig nutzen rund 20.000 Personen die Handyapplikation. Täglich gibt es ca. 2.600 Verbindungs- und ca. 1.600 Haltestellenauskünfte. Zudem möchte ich darauf hinweisen, dass mit dem System nicht nur aktuelle Fahrplaninformationen, sondern noch weitere Servicedienste abgefragt werden können und abgefragt werden. Seit Start der Testphase wurden mehr als 35.000 Tickets über easy.GO verkauft, Tendenz steigend. Die Zielsetzung besteht darin, nach Einführung zunächst etwa 250.000 Verbundtickets pro Jahr zu vertreiben und eine weitere deutliche Steigerung der Nutzung der Informationsdienste zu erreichen.

3. Warum nehmen LVB und MDV nicht am Projekt Handyticket teil?

Antwort: Die primären Ziele, die mit easy.GO verfolgt werden, sind die Neukundengewinnung für den ÖPNV und die Verbesserung des Services für die bestehenden Kunden. Vor und während der Entwicklung der Software fanden Gespräche u. a. mit dem VDV-HandyTicket-Betreiber statt. Aus verschiedenen Gründen (Abrechnungsmethode bei Ticketkauf, Leistungsumfang, Geräteabdeckung, Einbindung in Fahrplaninformationssystem, Höhe der laufenden und investiven Kosten usw.) wurde jedoch die nutzerfreundlichere und wirtschaftlichere Lösung für easy.GO gewählt.

Derzeit gibt es etwa 10 Handyfahrplanauskunftsdienste, wobei easy.GO nach einem Vergleich der TU Dresden als eines der nutzerfreundlichsten und innovativsten Lösungen aufgrund der Kombination von Informationsdienst und automatischer Verbundticketwahl bewertet wurde.

Bezogen auf das Ticketingsystem liegt der Hauptvorteil von easy.GO gegenüber dem VDV-HandyTicket in der Abrechnung per Mobiltelefonrechnung bzw. Prepaid-Guthaben, die bei allen 4 deutschen Netzbetreibern funktioniert. Die Abrechnung über die Mobilfunkrechnung ermöglicht eine registrierungsfreie Nutzung, die laut Umfragen wesentlich häufiger genutzt wird als registrierungspflichtige Dienste. Im Gegensatz zum VDV-HandyTicket, wo man sich vorher im Internet anmelden und persönliche Daten sowie Bankdaten eingeben muss, kann der Nutzer also mit easy.GO sofort nach der Installation Tickets kaufen. Außerdem muss der Nutzer bei easy.GO über keinerlei Tarifkenntnisse verfügen, da die Software für die gewählte Verbindung den passenden Tarif anbietet.

Im Ergebnis umfasst easy.GO ein Gesamtpaket, das alle Informationen für die ÖPNV-Nutzung auf das Handy bringt und damit sowohl für ÖPNV-”fremde” Personen als auch für Stammkunden einen Nutzen bietet. Das VDV-HandyTicket ist dagegen primär auf Ticketing konzentriert, so wirbt es mit dem Slogan „Fahrkartenautomat für die Hosentasche“. Easy.GO dagegen ist vielmehr ein Abfahrtsmonitor und Auskunftssystem für die Hosentasche, welches auch den Service des Ticketing umfasst.

Der einfache Bezug der Anwendung (SMS, App Store, Android Market) und die anmeldungsfreie Nutzung ermöglichen eine spontane Entscheidung für easy.GO bzw. den ÖPNV und kommt damit dem Nutzungsverhalten der Gelegenheitsfahrer entgegen.

Mit easy.GO werden also Menschen erreicht, die bisher den öffentlichen Nahverkehr für wenig flexibel gehalten haben, wie z. B. Autofahrer. Damit soll der Zugang zum ÖPNV insbesondere für die Neukunden erheblich vereinfacht und attraktiver gemacht werden.

Ungeachtet dessen arbeiten der MDV und die LVB in der VDV-Arbeitsgruppe „Handyticketing“ mit, wo die verschiedenen Onlineangebote abgestimmt werden sollen.

4. Ist geplant, easy.GO auf andere Verkehrsunternehmen und –verbünde auszudehnen?

Antwort: Grundsätzlich sind der MDV, die beteiligten Verkehrsunternehmen und der technische Betreiber daran interessiert, easy.GO in anderen Regionen zu implementieren. Es wurde bereits bei der Entwicklung ein großer Wert darauf gelegt, dass easy.GO auch für andere Verkehrsunternehmen und -verbünde ohne erhebliche Aufwendungen anwendbar ist. Dies wurde durch den modularen Aufbau des Systems und durch die Verwendung standardisierter Schnittstellen zum Datenaustausch (VDV-45x, XML, Webservices, RSS usw.) erreicht.

Derzeit werden Gespräche zwischen dem technischen Betreiber von easy.GO und Verkehrsunternehmen bzw. –verbünden mehrerer großer deutscher Städte geführt, welche Interesse an easy.GO gezeigt haben. Diese sind analog zum MDV nicht am VDV-HandyTicket beteiligt und suchen eine nutzerfreundliche Lösung für ihre Kunden. Das Interesse anderer Verkehrsunternehmen und –verbünde ist nicht zuletzt in dem positiven Feedback der Nutzer von easy.GO im MDV und der Auszeichnungen für die Software (ECON Award (Handelsblatt) für Unternehmenskommunikation 2010 und UITP/ITF 2010) begründet.

5. In wie weit teilt der Oberbürgermeister die Einschätzung, dass der Kauf von Fahrkarten via mobiler Endgeräte zukünftig zunehmen wird?

Antwort: Die Verbreitung von Smartphons ist in den letzten Jahren stetig angestiegen. Des Weiteren werden mit der Einführung neuer Technologien wie NFC-Standard und elektronischer Personalausweis Bezahlverfahren für mobile Anwendungen zunehmen.

Nicht zuletzt zeigen die stetig steigenden Umsätze in easy.GO, dass die Nutzer das Handy als Bezahlmedium akzeptieren. Auch die bundesweit rasant steigenden Umsätze im Onlineticketbereich zeigen, dass die Nutzer zunehmend die modernen Verfahren annehmen.

Zum Schluss möchte ich noch darauf hinweisen, dass in der nächsten Sitzung des Verwaltungsausschusses, die am 09.03.2011 stattfindet, unter TOP 5.2 die Entwicklung des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes auf der Tagesordnung steht. Der Geschäftsführer, Herr Lehmann, wird zu diesem Punkt anwesend sein. Wenn gewünscht könnte dann auch die Thematik „Elektronische ÖPNV-Tickets“ weiter erörtert werden.

Die Beantwortung erfolgte schriftlich vorab und dann noch einmal mündlich in der Ratsversammlung am 02.03.2011.

Auf Nachfrage unserer Stadträtin Isabel Siebert, was die städtischen Unternehmen/Beteiligungen LVB, MDV und IFTEC die Mitgliedschaft im VDV kosten würde, konnte der Bürgermeister keine Antwort geben. Diese wird schriftlich nachgereicht.

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